Fahrten zwischen Wohnung und Ausbildungsstätte in voller Höhe abziehbar

Bundesfinanzhof ändert bisherige Rechtsprechung - Bildungseinrichtung ist keine Arbeitsstätte
Abzug höherer Aufwendungen ist möglich - Einspruch gegen abweichende Bescheide erheben

Aufwendungen für Wege zwischen der Wohnung und der regelmäßigen Arbeitsstätte sind nur mit der Entfernungspauschale von derzeit 0,30 EUR je Entfernungskilometer als Werbungskosten abziehbar.
Bisher hat der Bundesfinanzhof (BFH) auch Bildungseinrichtungen wie z. B. Universitäten, Fachhochschulen und berufliche Bildungseinrichtungen als regelmäßige Arbeitsstätte eingestuft, wenn diese Einrichtungen über einen längeren Zeitraum zum Zweck eines Vollzeitunterrichts besucht werden. Die Fahrtkosten im Rahmen einer Ausbildung waren deshalb - wie Fahrten zwischen Wohnung und Arbeitsstätte - steuerlich nur beschränkt auf die Entfernungspauschale von 0,30 EUR pro Kilometer für die einfache Strecke zwischen Wohnung und Arbeitsstätte abzugsfähig.

An dieser Auffassung hält der BFH nicht mehr fest.
In zwei Urteilen vom 09.02.2012 haben die Finanzrichter entschieden, dass eine Bildungsmaßnahme (Studium oder Berufsausbildung) regelmäßig nur vorübergehend und nicht auf Dauer (wie ein Arbeitsverhältnis) angelegt ist.
Nach neuer Rechtsprechung sieht der BFH eine regelmäßige Arbeitsstätte nur in einer ortsfesten dauerhaften betrieblichen Einrichtung des Arbeitgebers und damit letztlich allein im Betrieb des Arbeitgebers oder einer Zweigstelle.

Schon deshalb ist eine arbeitgeberfremde Bildungseinrichtung nicht als regelmäßige Arbeitsstätte zu definieren, selbst wenn die Bildungsmaßnahme die volle Arbeitszeit eines Steuerpflichtigen in Anspruch nimmt und sich über einen längeren Zeitraum erstreckt.
Entscheidend ist, dass die Aus- oder Fortbildung regelmäßig nur vorübergehend und nicht auf Dauer angelegt ist.
Auch Universitäten und Fachhochschulen stellen keine regelmäßige Arbeitsstätten dar, obwohl diese Einrichtungen oft über einen längeren Zeitraum im Rahmen eines Vollzeitstudiums besucht werden.

Auf der Grundlage der geänderten Rechtsprechung des BFH können Studenten die Fahrten zwischen ihrer Wohnung und der Hochschule und Auszubildende den Weg zu einer arbeitgeberfremden Bildungseinrichtung in voller Höhe als Werbungskosten abziehen.
In voller Höhe bedeutet entweder die tatsächlich entstandenen nachgewiesenen Kosten oder bei Nutzung eines PKW pauschal 0,30 EUR je gefahrenem Kilometer (hin und zurück).
Die neue BFH-Rechtsprechung ermöglicht damit einen doppelt so hohen Ansatz der Fahrten zwischen Wohnung und Ausbildungsstätte und damit den Abzug deutlich höherer Aufwendungen im Rahmen der (vorweggenommenen) Werbungskosten (bei einer Zweitausbildung/einem Zweitstudium) oder der Sonderausgaben (bei Erstausbildung/Erststudium).

Eine Beschränkung auf die Entfernungspauschale von 0,30 EUR je Entfernungskilometer für die einfache Strecke muss somit nicht mehr akzeptiert werden.
Gegen Einkommensteuerbescheide, in denen das Finanzamt nur die beschränkte Entfernungspauschale bei den Fahrten zwischen Wohnung und Ausbildungsstätte berücksichtigt, sollte mit Verweis auf die BFH-Urteile vom 09.02.2012 Einspruch erhoben werden.

(Rechtsgrundlage: BFH-Urteile vom 09.02.2012 - VI R 44/10 und VI R 42/11

Veröffentlicht im September 2012