Kosten für das Erststudium sind vorweggenommene Werbungskosten

Bundesfinanzhof entscheidet für die Steuerpflichtigen - Einkommensteuererklärungen einreichen - Verlustfeststellung beantragen

Aufwendungen für ein typisches Erststudium im Anschluss an das Abitur wurden bislang von der Finanzverwaltung nicht als (vorweggenommene) Werbungskosten anerkannt.
Der Gesetzgeber lässt für solche Aufwendungen lediglich einen auf 4.000 EUR beschränkten Sonderausgabenabzug zu, der bei fehlenden oder nur geringen Einkünften der Studenten (also in den meisten Fällen) wirkungslos verpufft.

In seinem Urteil vom 28.07.2011 stellt der Bundefinanzhof (BFH) klar, dass Werbungskosten alle Aufwendungen sind, die durch den Beruf oder die Erzielung von Einnahmen veranlasst sind.
Dies gilt grundsätzlich auch dann, wenn der Steuerpflichtige gegenwärtig noch keine Einnahmen aus einem Beruf erzielt.
In diesem Fall sind die Aufwendungen als vorab entstandene oder vorweggenommene Werbungskosten abziehbar, wenn sie in einem konkreten Veranlassungszusammenhang mit einer späteren auf die Erzielung von Einnahmen gerichteten Berufstätigkeit stehen.
Der Werbungskostenabzug für Berufsausbildungskosten hat grundsätzlich Vorrang gegenüber dem Sonderausgabenabzug, auch dann, wenn es sich bei der Ausbildung um eine Erstausbildung handelt.

Der BFH entscheidet mit diesem Urteil zugunsten vieler Steuerpflichtigen, die nun die Kosten für ihr Studium auf der Grundlage dieses Urteils in voller Höhe als vorweggenommene Werbungskosten geltend machen können.

Studenten sollten deshalb Einkommensteuererklärungen abgeben und darin die Aufwendungen für das Studium ansetzen.
Diese führen dann in der Regel mangels oder bei nur geringen Einkünften zu einem Verlust, der vom Finanzamt festzustellen ist.
Die Kosten für das Studium können auf diese Weise über einen Verlustvortrag in Folgejahre mitgenommen und mit späteren Einnahmen in der Zeit nach dem Studienabschluss verrechnet werden.
Auf diese Weise verringert sich die Steuerlast in den ersten Berufsjahren nach dem Studium.

Die Aufwendungen für das Studium können als Werbungskosten zu späteren Einkünften aus nichtselbständiger Arbeit auf der Anlage N zur Einkommensteuererklärung geltend gemacht werden.
Als Aufwendungen können u. a. angesetzt werden:
  • Kosten für Fahrten zwischen Wohnung und Studienort
  • Kosten für Fachliteratur
  • Kosten für Arbeitsmittel (z. B. der für das Studium genutzte PC)
  • Studiengebühren
Die Verlustfeststellung kann auch noch für vergangene Jahre beantragt werden.
Für Studenten, die bisher noch keine Einkommensteuererklärung eingereicht haben, gilt eine verlängerte Festsetzungsfrist nach § 170 Abs. 2 Nr. 1 der Abgabenordnung von sieben Jahren.
Somit können rückwirkend bis zum Veranlagungsjahr 2004 noch Steuererklärungen abgegeben werden, da die Festsetzungsverjährung für dieses Veranlagungsjahr erst mit Ablauf des 31.12.2011 eintritt.

Die Reaktion der Finanzverwaltung auf das steuerzahlerfreundliche Urteil des BFH bleibt abzuwarten.

In der Vergangenheit wurden steuerzahlerfreundliche Entscheidungen des BFH oft und gerne durch sog. Nichtanwendungserlasse des Bundesfinanzministeriums oder durch entsprechende Gesetzesänderungen ausgehebelt.
So hatte der BFH bereits in seiner Rechtsprechung der Jahre 2002 und 2003 Aufwendungen für die erste Berufsausbildung und das Erststudium zum vorweggenommenen Werbungskostenabzug zugelassen.
Durch eine Änderung des Einkommensteuergesetzes hatte der Gesetzgeber seinerzeit diese BFH-Entscheidungen gekippt und nur den in den meisten Fällen wirkungslosen Sonderausgabenabzug ab 01.01.2004 zugelassen.

Der Streit um den Werbungskostenabzug für die Kosten eines Erststudiums zieht sich inzwischen über einen Zeitraum von fast 10 Jahren hin.
Angesichts der bekannten Reaktionen von Finanzverwaltung und Gesetzgeber warnt der BFH in seiner aktuellen Entscheidung den Gesetzgeber vor einem gesetzlichen Abzugsverbot der Aufwendungen für das Erststudium. Ein solches Verbot könnte verfassungswidrig sein.

Mit seinem Urteil vom 28.07.2011 hat der BFH den Steuerpflichtigen ein starkes Argument an die Hand gegeben.
Falls das Finanzamt den Antrag auf Verlustfeststellung ablehnt, sollte gegen die Ablehnung mit Verweis auf dieses Urteil Einspruch erhoben werden.

(Rechtsgrundlage: Urteil des BFH vom 28.07.2011 - VI R 7/10, DStR 2011, S. 1559)
Veröffentlicht im Oktober 2011